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Pathologische Spielsucht im 19.Jahrhundert

Dokumentation eines frühen Falles eines Spielwütigen

Der folgende Aufsatz über die Folgen einer Spielsucht aus der Zeitschrift „Der Sammler“ vom 27. Dezember 1859 zeigt den Stellenwert, den die noch nicht anerkannte immaterielle Sucht im 19.Jahrhundert besaß. Sie war vor allem moralisch, nicht aber medizinisch konnotiert. Zugleich wurde von dem anonymen Verfasser des Aufsatzes der Fall eines pathologischen Spielbankbesuchers dazu benutzt, um die Amoralität der Spielbanken zu kennzeichnen. In diesem Fall versuchte man mit Zwangsarbeit den Spieler zu heilen, vermutlich vergeblich. In der Zeitschrift heißt es nun im Original:

"Ein psychologisch merkwürdiger Kriminalfall kam dieser Tage vor dem Frankfurter Zuchtpolizeigericht zur Verhandlung. Vor den Schranken desselben stand nämlich ein neunzehnjähriger Franzose von Stand, gebürtig aus Hagenau im Elsaß, Angehöriger der Marine, angeklagt des Diebstahls einer goldenen Damenuhr im Werte von 142 Franken und des Versuchs einiger Ladendiebstähle. Derselbe ist ein abermaliges Opfer der umliegenden Spielhöllen, und ist diese seine Verirrung um so beklagenswerter, als der junge Mann bereits Proben hohen moralischen Mutes und unbeugsamer Energie abgelegt hatte.

Der Angeklagte gibt den Diebstahl der Uhr zu; dieselbe wurde bei einem Uhrmacher erhoben, welchem sie jener zu 160 Franken verkauft hatte; auch räumt er ein, in mehreren Läden zu stehlen versucht, es aber aus Furcht unterlassen zu haben. Sein Verteidiger, Herr Dr. Tetz, wußte durch eine geistreiche Verteidigung das Interesse für seinen Klienten lebhaft in Anspruch zu nehmen. Nach seiner durch Aktenstücke belegten Darstellung hat sich der Angeschuldigte, einer der besten Familien Frankreichs angehörig, schon in seinem siebzehnten Jahre als Seemann so ausgezeichnet, daß alle französischen Blätter von ihm sprachen; er hatte nämlich mit vier Matrosen einen französischen Dreimaster unter den gräßlichsten Stürmen, nachdem alle anderen Matrosen am gelben Fieber gestorben waren, glücklich in den Hafen gebracht. Er besitzt verschiedene vorteilhafte Zeugnisse über seine gute Aufführung zur See und ein günstiges Attest des französischen Marineministeriums. Leider war der junge Seemann bereits zwei Jahre zuvor in den Spielhöllen zu St. Franzisco dem Dämon des Hazardspieles verfallen, und scheint dieser seine sonst glückliche Organisation allmählich gänzlich demoralisiert zu haben. Wenigstens ist es sonst nicht aufgeklärt, wie es kam, daß derselbe 1858 einige Monate in der Irrenanstalt zu Clermont zubrachte.

Im verwichenen Herbst von seiner verhängnisvollen Leidenschaft nach Baden-Baden und Homburg geführt, verspielte er dort seine Barschaft bis auf den letzten Rest und beging das Verbrechen, welches ihn und seine Familie mit Schmach bedeckt. Der Defensor Dr. Tetz hob mit Nachdruck hervor, daß wir als Deutsche erröten müßten, in unserem Vaterland Pflanzschulen des Lasters bestehen zu sehen, die in der ganzen übrigen zivilisierten Welt unterdrückt seien und nur in Californien dem Abschaum der Bevölkerung offen stünden.

Die Staatsanwaltschaft beantragte, indem sie auch die Versuche der Diebstähle, als strafbar annahm, eine Korrektionshausstrafe von sechzehn Monaten. Das Gericht nahm keinen strafbaren Versuch, sondern nur Vorbereitungshandlungen an und erkannte, indem es der Jugend, dem Geständnis und den Antezedentien des Angeschuldigten Rechnung trug, wegen des Diebstahls der Uhr auf zehn Monate Korrektionshaus."

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